Peter Klein
Kaleidoskop
Das Spiel der Lebensmöglichkeiten

Ein reicher Schatz an Zitaten und Sprüchen zum Lesen und Losen.
197 Seiten
gebunden
13 x 19 cm
Lesebändchen

Erscheinungsjahr: 2004
ISBN: 978-3-934719-15-6
Preis: 6,80 €
Versandkosten (nur Ausland): 1,85 €
Mit dem Auslosen eines Spruches vollziehen wir unversehens eine Handlung, die nicht beliebig ist, wenn wir bedenken, dass wir uns mit solchem Handeln in einer langen und bedeutenden Tradition befinden. Ein Losbuch zu befragen ist eine Spielart der Mantik, der Weissagung. Orakel gehören zu den ganz alten Formen religiöser Praxis. Es gibt sie seit der prähistorischen Zeit und in vielfältiger Form bei den Naturvölkern. Die ersten bekannten chinesischen Schriftzeichen stammen von beschrifteten Knochen, die ins Feuer gelegt wurden. Die zufällig entstandenen Risse wurden als Orakel gelesen. Sie stammen aus der Zeit zwischen 1400 und 1200 v. Chr. Buchorakel gibt es freilich erst viel später. Das bekannteste Orakelbuch, das für die chinesische Kultur so bedeutsame I Ging, erfreut sich auch heute noch - und vor allem auch in der westlichen Welt - großer Beliebtheit. Wahrscheinlich sind Buchorakel aus dem islamischen Raum über Spanien nach Europa gelangt.
Im europäischen Raum hat die amtliche Kirche Orakelpraktiken stets abgelehnt oder, als sie dazu noch die Macht hatte, verboten. Dessen ungeachtet gab es die Weissagung im Verlauf der Geschichte seit jeher auch in Europa, und es finden sich durchaus namhafte Persönlichkeiten, die sich für verschiedene Formen der Weissagung interessiert haben. Kein geringerer als Goethe empfiehlt seinen »Westöstlichen Divan« als Buchorakel. In seinen »Noten und Abhandlungen« zum »Westöstlichen Divan« beruft er sich auf islamische, aber auch auf christliche Orakelpraktiken, die außerhalb des kirchlichen Rahmens verbreitet waren:

»Der Unentschlossene findet nur sein Heil im Entschluss, dem Ausspruch des Loses sich zu unterwerfen. Solcher Art ist die überall herkömmliche Orakelfrage an irgendein bedeutendes Buch, zwischen dessen Blätter man eine Nadel versenkt und die dadurch bezeichnete Stelle beim Aufschlagen gläubig betrachtet. Wir waren früher mit Personen genau verbunden, welche sich auf diese Weise bei der Bibel, dem Schatzkästlein und ähnlichen Erbauungswerken zutraulich Rats holten und mehrmals in den größten Nöten Trost, ja Bestärkung fürs ganze Leben gewannen.
Im Orient finden wir diese Sitte gleichfalls in Übung; sie wird Fal genannt, und die Ehre derselben begegnete Hafisen (Hafes, um 1320-1390, persischer Dichter) gleich nach seinem Tode. ... Der westliche Dichter (hier meint Goethe sich selber) spielt ebenfalls auf diese Gewohnheit an und wünscht, dass seinem Büchlein (Westöstlicher Divan) gleiche Ehre widerfahre.«
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