Aus dem Buch: (Einleitung von Pat Farenga)
... Schließlich waren es keine Homeschooling-Versammlung, kein Buch und auch keine Studie, die meine Frau und mich überzeugten, Homeschooling zu versuchen, sondern das immer häufigere Zusammentreffen mit Homeschooling-Eltern, deren Kinder sich ganz offensichtlich körperlich, geistig und spirituell gut entwickelten. Einige Eltern vertraten Ausbildungsmethoden – etwa strikte schulähnliche Stundenpläne – die sich von unseren Ansichten klar unterschieden. Andere Familien wiederum verwarfen jeden Gedanken an Schule vollständig. Sie alle wiesen jedoch eine Gemeinsamkeit auf: Ihre Kinder fühlten sich in Gegenwart ihrer Eltern und anderer Erwachsener sichtlich wohl. Der Umgang mit vielen Homeschooling-Kindern machte sogar großen Spaß. Sie waren gute Gesprächspartner und zeigten Interesse für eine breite Palette an Themen und Fähigkeiten. Das vom konservativen Schulsystem gestützte Klischee, dass Homeschooling-Kinder Eigenbrötler und Außenseiter seien, stimmte keineswegs mit unseren Erfahrungen überein. Als lernende Homeschooler erinnerten wir uns auch an unsere eigenen Erfahrungen und erkannten, dass Johns Ansichten stimmten: Vieles von dem, was wir in unserem Erwachsenenleben anwendeten, hatte nichts mit unserer eigentlichen Schulausbildung zu tun. Freunde – einschließlich Lehrer – und außerschulische Aktivitäten hatten bei uns einen wesentlich dauerhafteren Eindruck hinterlassen, als in langen Nächten verfasste Aufsätze und in letzter Minute angehäuftes Mathematikwissen. Durch die Arbeit bei Holt Associates stellte ich meine Ausbildung und den Wert meines schulischen Wissens in einer Art und Weise in Frage, wie ich es nie zuvor für möglich gehalten hätte.
Nur ein Beispiel: Warum bestehen Eltern und Ausbilder darauf, dass unsere Kinder stundenlang freudlos Dinge lernen, die die meisten Erwachsenen nie anwenden? Heute höre ich dieselben pädagogischen Rechtfertigungen wie damals, als ich diese Frage als besserwisserischer Privatschüler stellte: »Damit aus dir ein vielseitig gebildeter Mensch wird«; „die Auseinandersetzung mit Mathematik (Algebra, Trigonometrie, Latein, Chemie oder mit jedem anderen beliebigen Gegenstand) wird dir helfen, deine Denkfähigkeit zu schulen.“ Warum sollten Aktivitäten wie Musizieren, Sport treiben, Malen, Poesie verfassen, Tanz, Bühnenspiel oder Lesen die Disziplin und das Denkvermögen weniger fördern als die erzwungene Teilnahme an Kursen und Hausarbeiten, für die Kinder wenig Neigung oder gar Freude aufbringen und auch gar keine Verwendung haben? Selbstverständlich bin ich dafür, dass man Kindern hilft, ihre Denkvermögen zu schulen – und nicht nur Kindern, sondern allen Menschen – aber muss der Lernprozess so freudlos und für unser Alltagsleben oft so nutzlos sein? Fördern nicht auch nützliche und freudvolle Tätigkeiten unser Denkvermögen?
Wenn ich Vorträge darüber halte, dass wir unsere traditionellen Lehrpläne aufgeben sollen, werde ich üblicherweise von einem Zwischenruf folgenden Inhalts unterbrochen: »Aber man muss sich doch mit Trigonometrie auskennen! Um sich in unserer heutigen komplizierten technologischen Gesellschaft behaupten zu können, muss man das wissen.« Unsere Gesellschaft ist tatsächlich kompliziert und immer stärker geprägt von technologischen Einflüssen, aber viele von uns werden sich eingestehen müssen, dass weder der Schulunterricht in Trigonometrie noch Mathematik eine Voraussetzung dafür waren, dass sie als Erwachsene lernten, mit einem Computer umzugehen. Die überwiegende Mehrzahl jener Erwachsenen, die in den 80er Jahren lernten, mit einem Computer zu arbeiten, hat dafür keinen wie auch immer gearteten Kurs besucht. Wenn wir etwas wissen müssen, gibt es unzählige Arten, uns dieses Wissen anzueignen; ein Kurs mit sorgfältig aufgebauten Lektionen ist nur eine davon. Heute arbeite ich mit Tabellenkalkulation, entwerfe Seitenlayouts, retouchiere Fotos, schreibe E-Mails, verwende das Internet usw. ... Und alle diese Fähigkeiten habe ich im direkten Umgang mit diesen Programmen erlernt, nicht etwa durch Kurse in Algebra, zeichnerischer Darstellung oder anderen Fächern auf der High-School oder dem College.
Meine Frau Day und ich nahmen Johns Kritik an der traditionellen Ausbildung ernst und stellten uns und unseren Freunden Fragen wie:
„Warum zwingt man Schüler, Dinge zu erlernen, die sie vermutlich nie anwenden werden?“
»Riskieren Homeschooling-Eltern die Zukunft ihrer Kinder – beschneiden sie ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten, gute Jobs zu finden, anständige Menschen kennenzulernen, bei Cocktailpartys literarische Anspielungen zu begreifen – indem sie ihre Kinder nicht so ausbilden lassen, wie wir in privaten oder öffentlichen Schulen ausgebildet wurden?«
»Müssen wir wie Schulen agieren und unsere Kinder dazu zwingen, auf dieselbe Art zu lernen, wie wir es in der Schule getan haben, damit sie als Erwachsene erfolgreich sind?«
In unserer Altersgruppe, den Zwanzig- bis Dreißigjährigen, diskutierten Day und ich intensiv über derartige Fragen, was mitunter bei Familienfeiern zu erregten Auseinandersetzungen über Ausbildungsfragen führte (ein Fehler, den wir nach Möglichkeit nicht wiederholen werden).
Welche Bedenken oder Einwände wir auch immer gegen Pflichtunterricht vorbrachten – und mitunter stimmten alle Beteiligten darin sogar überein, so lautete die Schlussfolgerung doch oft, Kinder müssten zum Lernen gezwungen werden. Das sei einfach ein notwendiges Übel. »Wir müssen die Aufmerksamkeit und das Handeln der Kinder unter Kontrolle halten«, lautete dieses Argument, »ansonsten verbringen sie die gesamte Zeit damit zu spielen, fernzusehen oder in Schwierigkeiten zu geraten. Außerdem können sie als Erwachsene auch nicht immer tun, wonach ihnen der Sinn steht. Deshalb ist es für uns alle besser, dass sie so früh wie möglich lernen, sich einer Autorität zu beugen und in unserem System klarzukommen.«
Um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, müssen wir selbstverständlich hin und wieder Dinge tun, die uns nicht gefallen. Bevor wir heirateten, arbeitete Day ein Jahr lang für einen selbstherrlichen Theaterregisseur, um Arbeitserfahrung am Theater zu sammeln, was ihr größter Wunsch gewesen war. In der Schule hingegen sind wir oft gezwungen, unerwünschte Dinge um ihrer selbst willen zu tun: Ist das wirklich eine sinnvolle Art und Weise, seine Zeit zu verbringen? Obwohl Day und ich während unserer gesamten Jugend auf angenehme Erfahrungen in privaten und öffentlichen Schulen zurückblicken können, erinnern wir uns immer noch an die Wartezeiten, bis man uns erlaubte weiterzumachen, nachdem wir mit unserer Arbeit fertig waren, an die Schulstunden, die endeten, bevor wir unsere Aufgaben abschließen konnten, und an die frustrierenden Stundenpläne, die wir zu erfüllen hatten und deren Sinn wir kaum verstanden. Allmählich kamen Day und ich zu der Ansicht, dass jene Homeschooling-Eltern, die ihren Kindern gestatteten, Astronomie zu studieren oder stundenlang mit Puppen zu spielen, damit eine bessere – oder zumindest interessantere – Art und Weise gefunden hatten, sich mit etwas auseinanderzusetzen, als es in der Schule möglich gewesen wäre.
Während wir uns immer wieder mit Homeschooling-Familien trafen und darüber nachdachten, wie wir unsere noch ungeborenen Kinder aufwachsen lassen wollten, erkannten wir, dass es viele Möglichkeiten gab, Kinder zu erziehen, und dass neben dem traditionellen Modell von „setz dich hin, sei still und tu, was ich dir sage“ auch zahlreiche andere Lehr- und Lernmethoden existierten.