Schutzengel

Der Glaube an Schutzengel ist so alt wie die Menschheit. Viele Menschen haben schon Situationen erlebt, in denen die Anwesenheit von einem Schutzengel oder etwas Schützendem, Tröstendem, Einhüllenden intensiv spürbar war. Was im Augenblick des Erlebens innere oder sogar äußere Realität ist, wird im Nachhinein je nach kultureller Prägung und individuellem Werdegang gedanklich zugeordnet, erklärt oder auch geleugnet. Die Erklärungen dafür, was Schutzengel beziehungsweise Erlebnisse mit Schutzengeln wirklich sind, reichen von »verstorbene Ahnen« über »eigene Evolution von gottnahen Wesen, die nicht wie wir die Wahl und Qual des Freien Willens besitzen und unfähig zu allem Bösen sind« bis zu »wohltuende positive Gedankenmuster und Energien, die durch Resonanz angezogen werden, wenn wir unsere Gedanken darauf richten« und »Angehörige unserer Seelenfamilie, die derzeit nicht inkarniert sind oder ihren irdischen Inkarnationszyklus schon abgeschlossen haben«.
Vielleicht stimmt nichts davon, oder es ist wie mit dem Elefanten, den Blinde betasten: Alle Beschreibungen enthalten ein Stück Wahrheit, und keine die ganze.
Interessant ist, wie unterschiedlich Schutzengel in verschiedenen Epochen bzw. Kulturen empfunden und dargestellt wurden. Vergleichen Sie zum Beispiel folgende Szene aus Heinrich von Kleist, Das Käthchen von Heilbronn und P'u Sung Ling, Die Prüfung zum Schutzengel (beide aus: D. Czycoll,(Hg.): Als ich am gestrigen Tag entschlief, Nahtoderlebnisse in der Weltliteratur aus drei Jahrtausenden, Genius Verlag)

Schutzengel bei Heinrich von Kleist, Das Käthchen von Heilbronn:

... Drei hintereinander folgende Nächte, während welcher seine Mutter nicht von seinem Bette wich, erzählte er ihr, ihm sei ein Engel erschienen und habe ihm zugerufen: Vertraue, vertraue, vertraue! Auf der Gräfin Frage: ob sein Herz sich durch diesen Zuruf des Himmlischen nicht gestärkt fühle, antwortete er: »Gestärkt? Nein!« - und mit einem Seufzer setzte er hinzu: »Doch! doch, Mutter! wenn ich sie werde gesehen haben!« - Die Gräfin fragte: Und wirst du sie sehen? »Gewiss!«, antwortete er. Wann? fragte sie. Wo? - »In der Silvesternacht, wenn das neue Jahr eintritt; da wird er mich zu ihr führen.« - Wer? fragte sie, Lieber, zu wem? »Der Engel,« spricht er, »zu meinem Mädchen« - wendet sich und schläft ein. ...
Dieser Schutzengel ist eindeutig ermutigend und hilft dem Helden der Geschichte in einer entscheidenden Lebenskrise, sein Augenmerk auf das Wichtige, den »roten Faden« zu halten, Näheres über die Abstammung des Schutzengels wird nicht bekannt. In dem folgenden Auszug aus dem chinesischen Kulturkreis geht es hingegen um die Ernennung zum Schutzengel, für die jemand sogar mitten aus der Verkörperung geholt werden soll:

Schutzengel in China: P'u Sung Ling, Die Prüfung zum Schutzengel:

Die vorsitzenden Gottheiten ... forderten Herrn Sung auf, vor sie zu treten und sagten zu ihm: »In Honan wird ein Schutzengel gebraucht. Gehe hin und übernehme dieses Amt.« Als nun Herr Sung dies hörte, verbeugte er sich und antwortete unter Tränen: »Ich bin der Ehre nicht würdig, die Ihr mir erweist, und doch würde ich es nicht wagen, sie zurückzuweisen, wäre nicht meine alte Mutter in ihrem siebzigsten Jahr und gäbe es einen, der für sie sorgen könnte. Ich bitte Euch, lasst mich warten, bis ihr Schicksal vollendet ist, dann werde ich zu Eurer Verfügung stehen.« Da gab die ganz offenkundig höchste der Gottheiten Anweisung, den Todestag von Sungs Mutter festzustellen, und ein Diener mit einem langen Bart brachte sogleich das Buch des Lebens herein. Als er es wieder schloss, erklärte er, sie habe noch neun Jahre zu leben. Darauf berieten sich die Gottheiten, und der Gott des Krieges sprach: »Nun denn, geben wir dem Kandidaten Herrn Chang das Amt, und lösen wir ihn in neun Jahren ab. ...«

Das Buch zum Thema

Beide Texte über Schutzengel finden sich ausführlicher zusammen mit zahlreichen anderen Texten zum Thema Schutzengel in: D. Czycoll, (Hg.): Als ich am gestrigen Tag entschlief, Nahtoderlebnisse in der Weltliteratur aus drei Jahrtausenden, Genius Verlag, 3-934719-13-9.
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Der Psychologe und Drogenexperte Dr. Dietmar Czycholl hat diese und 23 weitere Schilderungen von Schutzengel-Erfahrungen und Nahtoderlebnissen durch weltberühmte Autoren zusammengetragen, von Platon und Plutarch, über Meister Eckart, Elsbeth Stagel, H.G. Wells , zu C. G. Jung, Karl May, L.N. Andrejev, Lernet-Holenia, Franz Werfel und vielen anderen.